Work-Life Balance für Berater: der Klient entscheidet mit

Die Bereitschaft der so genannten Top-Talente auf Freizeit zugunsten von Arbeit zu verzichten nimmt, wenn man Berichten der Tagespresse und entsprechenden Studien Glauben schenkt, ab. Viele Professional Service Firms, wie z.B. Unternehmensberatungen, haben dies längst erkannt und versprechen auf ihren Webseiten, sich um die persönliche Work-Life Balance ihrer Beraterinnen und Berater zu kümmern. In der Realität sieht das jedoch häufig anders aus und junge Berater erleben eine „always-on-policy“ sowie Strukturen und Prozesse, die eine individuelle Work-Life-Balance verhindern. Unsere Forschung hierzu hat insbesondere und letztlich wenig überraschend gezeigt, dass die 5-4-3 Regel (5 Arbeitstage, 4 Tage beim Klienten vor Ort, 3 Nächte weg von zu Hause) kritisch auf die Work-Life Balance wirkt. Denn dies bedeutet immense Reiseverpflichtungen und regelmäßige Hotelübernachtungen, denn der primäre Einsatzort des typischen Beraters ist trotz der Digitalisierung immer noch beim Klienten, in der Regel weit genug weg von zu Hause, um die tägliche Rückkehr nach der Arbeit auszuschließen. Darüber hinaus arbeiten fast alle untersuchten Beraterinnen und Berater Vollzeit inklusive Überstunden.

Eine zentrale Erkenntnis unserer Forschung ist es aber, dass innovative Strategien, um Konflikte zwischen Arbeit und anderen Lebensbereichen zu vermeiden, nur über eine Veränderung der Arbeitsstruktur und des Beratungsprozesses gelingen können. Hierzu sind zwei Dimensionen zu betrachten:

  • Dimension Ort: In der innovativsten Form findet die Beratungsleistung nicht mehr beim Klienten vor Ort statt. Innovative Beratungsleistungen sind unabhängig Ort des Beraters bzw. des Klienten. Beratung findet mit der Unterstützung von Web 2.0-Technologien, die den Kunden kontinuierlich in den Beratungsprozess integriert statt.
  • Dimension Zeit: Die Zeitanforderungen der Berater lösen sich von der Vollzeitarbeit mit vielen Überstunden hinzu flexiblen Teilzeitlösungen zu arbeiten. Beratungsleistungen werden nicht auf einer Vollzeit-Basis, sondern in Abstimmung mit dem Klienten und dem Berater in innovativen Teilzeit-und Job-Sharing-Lösungen zur Verfügung gestellt.

Die Kombination beider Dimensionen führt zu einem Beratungsprojekt, das völlig flexibel hinsichtlich der örtlichen und zeitlichen Bedingungen (Patchwork-Beratung) sein kann. Natürlich ist dies eine radikale Lösung für die Beratungspraxis, die nicht so leicht zu erreichen und natürlich nicht praktikabel für alle Beratungsprojekte ist. Daher schlagen wir eine schrittweise Implementierung mit der Unterscheidung von zwei Ebenen vor.

  • Ebene Intra-Projekt Differenzierung: Nur bestimmte Teile des Beratungsprozesses werden innovativ erstellt. Andere Teile des Beratungsprozesses bleiben, wie sie sind. In der Praxis bedeutet dies, dass nur ein Teil des Beraterteams direkt beim Kunden vor Ort arbeitet, während ein anderer Teil die Möglichkeit hat, flexibel von überall aus zu arbeiten. Nur ein Teil der Beratungsteam arbeitet Vollzeit, kann ein anderer Teil des Teams auf einer Teilzeitbasis zu arbeiten. Das gesamte Beratungsteam mit Team-Software verbunden.
  • Ebene Inter-Projekt Differenzierung: Nur ein Teil der insgesamt angebotenen Portfolios an Beratungsprojekten wird innovativ erstellt. Das gesamte Portfolio von Beratungsleistungen und -projekten wird auf die mögliche Gestaltung innovativer Arbeitsstrukturen hin untersucht. Als Ergebnis entsteht ein Projekt-Portfolio anhand dessen abgelesen werden kann, welcher Projekttyp Work-Life Balance zulässt und welcher nicht. Dies kann zum gezielten Staffing von Beratern mit bekannten Work-Life Konflikten genutzt werden.

Wichtig für die Umsetzung dieser neuen innovativen Formen der Beratung ist die Überzeugung des Klienten. Der Klient und sein Unternehmen müssen aktiv darauf vorbereitet werden, zu unterscheiden, ob es immer notwendig ist, die Berater permanent vor Ort zu sehen. Beratungsorganisationen müssen ihre Klienten in den Entwicklungsprozess der neuen Beratungsdienstleistungen integrieren und in diesem Zusammenhang das Geschäftsmodell entsprechend anpassen. Das kann eine Verminderung der in Rechnung gestellten Honorare bedeuten, die mit einer Verminderung von persönlichen Beratervergütungen einhergehen muss, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Der Klient entscheidet also mit über die Möglichkeit, Work-Life Balance und Unternehmensberatung zu versöhnen.