Work-Life Balance und Mitarbeiterbindung in Professional Service Firms

Der folgende Blogeintrag ist ein Auszug aus einem Artikel, der im Jahr 2010 in der Zeitschrift für Personalforschung erschienen ist. Ein Link zum Artikel finden Sie hier.

Die Thematik der Vereinbarkeit von Berufs- und Privatleben erfährt unter dem Schlagwort der Work-Life Balance in Wissenschaft und Praxis gegenwärtig eine überaus starke Aufmerksamkeit. Die Auseinandersetzung mit der Thematik wird u. a. mit zunehmendem Wettbewerbsdruck am Arbeitsmarkt, veränderten Wertvorstellungen junger High Potentials und der zunehmenden Karriereorientierung von Frauen in Verbindung gebracht. Es steht die Annahme im Raum, dass Unternehmen verstärkt gefordert sind, Erwerbstätigen entsprechende Rahmenbedingungen zu bieten, die gleichzeitig ihre Leistungsfähigkeit erhalten und eine bessere individuelle Vereinbarkeit von Berufs- und Privatleben ermöglichen. Auch Unternehmensberatungen, deren Mitarbeiter aufgrund der langen Arbeitszeiten als so genannte Extremjobber gelten, versuchen mit dem Angebot von Work-Life Balance Initiativen auf diese Anforderungen zu reagieren. Entsprechende Maßnahmen werden als probates Mittel dargestellt, um u.a. einen verbesserten Zugriff auf High Potentials zu generieren und um die Mitarbeiterfluktuation zu verringern.

In einer Untersuchung des Lehrstuhl für Personalmanagement und Organisation an der Universität der Bundeswehr München, die im Jahr 2010 veröffentlicht wurde, hat sich gezeigt, dass das Angebot von Work-Life Balance Initiativen wünschenswerte Auswirkungen erzielen kann, auch in der Unternehmensberatungsbranche. Aus individueller Sicht können solche Initiativen eine Verbesserung der Vereinbarkeit von Berufs- und Privatleben begünstigen und so die Leistungsfähigkeit der Mitarbeiter langfristig unterstützen. Aus Organisationssicht kann die Einführung von Work-Life Balance Initiativen neben anderen Möglichkeiten ein probater Zugang sein, um die Mitarbeiterbindung zu erhöhen und Fluktuationsraten, welche das Beratungsunternehmen Wissen- und Beziehungssressourcen und somit Geld kosten, zu verringern.

Die Nutzung von Work-Life Balance Initiativen wird stark von der Unterstützung durch den Vorgesetzten beeinflusst. In diesem Zusammenhang ist anzunehmen, dass auch die Führungs- und Unternehmenskultur im Allgemeinen so beschaffen sein sollte, dass sie die Nutzung von Work-Life Balance Initiativen nicht sanktioniert, sondern im Gegenteil unterstützt und fördert. Gerade in einer Branche, die sich durch hohe Arbeitszeiten und Karrieredruck auszeichnet, kann die Nutzung von Initiativen jedoch leicht zu Karrierenachteilen führen. Dies ist nicht nur in der Unternehmensberatungsbranche der Fall, welche für ihre starke Leistungsorientierung bekannt ist. Auch für andere Branchen konnte man beispielsweise feststellen, dass Mitarbeiter, die familienfreundliche Maßnahmen nutzten, geringere Gehaltserhöhungen erhielten und weniger Aufstiegschancen hatten, verglichen mit ihren als „leistungsorientierter“ wahrgenommenen Kollegen. Will das Management von Unternehmensberatungen also die emotionale Bindung durch Work-Life Balance Initiativen stützen und somit zur Verringerung der Fluktuationsrate im Unternehmen beitragen, so sollte eine Führungskultur implementiert werden, die eine Nutzung von Work-Life Balance Initiativen fördert und karrierebezogene Benachteiligungen aufgrund der Nutzung von solchen Maßnahmen minimiert.

Die vorliegende Studie hat sich der Thematik der Work-Life Balance von Unternehmensberatern, oder etwas breiter ausgedrückt, in Professional Service Firms, angenommen. Die Arbeit in diesen Unternehmen ist neben hoher Verantwortung und Druck durch extrem lange Arbeitszeiten und eine häufige Reisetätigkeit gekennzeichnet, Faktoren, welche der Vereinbarkeit des Berufs mit dem Privatleben oft im Wege stehen. Junge Berufseinsteiger stellen jedoch nicht mehr selbstverständlich den Beruf an erste Stelle, insbesondere die Work-Life Balance – wie auch immer geartet – spielt eine große Rolle in der Berufs- und Arbeitgeberwahl. Um die besten Absolventen zu rekrutieren als auch qualifizierte Mitarbeiter im Unternehmen zu binden, müssen Organisationen reagieren und entsprechende Bedingungen im Unternehmen schaffen. Ein zunehmender Trend an angebotenen Work-Life Balance Initiativen ist in der Landschaft der Unternehmensberatungen durchaus wahrzunehmen, die Evaluation der Wirksamkeit dieser für die Work-Life Balance bleibt ein spannendes und vielversprechendes Forschungsfeld.

Abschließend soll auf das diverse Verständnis des Work-Life Balance Begriffs hingewiesen werden. Für Berufseinsteiger und Absolventen, welche nach einer Work-Life Balance fragen steckt hinter diesem Begriff vermutlich nicht die traditionelle Auffassung einer Vereinbarkeit von Berufsrollen mit Familienrollen des Elternteils und Partners. Vielmehr stehen Themen wie Freizeitgestaltung, Regeneration und Gesundheit hier sicherlich stark im Vordergrund ebenso wie individuelle Weiterentwicklung. In diesem Sinne sollte es ein Anliegen weiterer Forschungsbemühungen sein, den Work-Life Balance Begriff entsprechend weiterzuentwickeln und an die sich verändernden Erwartungen und Bedürfnisse aller Mitarbeiter einer Organisation anzupassen, sowie der Praxis, diesen auch im Unternehmen umzusetzen.

Dieser Blogeintrag ist ein Auszug aus einem Artikel, der im Jahr 2010 in der Zeitschrift für Personalforschung erschienen ist. Ein Link zum Artikel finden Sie hier.